Zu alt. Zu jung. Überqualifiziert. Kinder, die betreut werden müssen. Eltern, die Pflege benötigen. Zu wenig attraktiv. Zu schön. Ja, auch Letzteres habe ich schon erlebt! Diskriminierung am Arbeitsmarkt hat viele Gesichter. Hast du als Bewerber:in schon zig Bewerbungen verschickt und eine Absage nach der anderen erhalten? Oder hast du öfters gar keine Antwort auf deine Bewerbung bekommen? Auf das Verhalten potentieller Arbeitgeber:innen haben Bewerber:innen leider keinen Einfluss. Wichtig ist, als Bewerber:in niemals aufzugeben. Und: Not macht erfinderisch! Hier sind vier radikale Maßnahmen, die greifen könnten, um nach der Abgabe der Bewerbungsunterlagen zumindest zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden.

 

Maßnahme 1 gegen Diskriminierung am Arbeitsmarkt: Geburtsdatum weglassen

 

Für das Erstellen eines Lebenslaufs gibt es keine Vorschriften. Die Angabe der wichtigsten Daten wie Name, Adresse, Telefonnummer, Daten zur Erreichbarkeit, Geburtsdatum und Staatsbürgerschaft machen es Angestellten in Personalbüros lediglich einfacher, Bewerbungsunterlagen zu sichten und zu sortieren. Die Diskriminierung aus Altersgründen betrifft naturgemäß ältere Arbeitssuchende, wobei „älter“ auch ein Alter von 45+ bedeuten kann. Aber, ganz einfach einmal anders herum gedacht: Ein guter Lebenslauf enthält ein Foto – es gilt nach wie vor als Türöffner – und listet Berufs- und Ausbildungsweg antichronologisch auf. Wer sich den Lebenslauf ansieht und rechnen kann, kann daraus leicht schließen, dass der oder die Stellensuchende den Zwanzigern oder Dreißigern schon entwachsen ist. Daher provokant gefragt: Warum soll man sich in einem ersten Bewerbungsschritt überhaupt mit dem exakten Geburtsdatum outen? Das Ziel älterer Bewerber:innen sollte sein, dass deren langjährige Berufspraxis und Kompetenzen gelesen werden. Hier ist es von Vorteil, dass der Lebenslauf übersichtlich gegliedert ist und mit Symbolen und Grafiken gearbeitet wird.

💡Dazu ein Extra-Tipp: Lebensläufe älterer Bewerber:innen haben aufgrund längerer und manchmal wechselnder Tätigkeiten mehrere Seiten. Amerikaner beschränken sich in ihren CVs auf die größten beruflichen Erfolge. Warum sollte sich das nicht auch einmal im deutschsprachigen Raum durchsetzen? Achte zusätzlich darauf, positive Wörter einzusetzen wie eben „meine größten beruflichen Erfolge“ oder „Budgeteinsparungen erreicht“, „Gewinne maximiert“, „Expertenkenntnisse“, „das Schöne am Beruf als xy ist“ und so weiter.

 

Maßnahme 2 gegen Diskriminierung am Arbeitsmarkt als Frau: Foto weglassen

 

Ja, habe es weiter oben gesagt: Ein Foto kann ein Türöffner sein. Und jetzt doch das Foto weglassen? Was steckt hinter diesem Gedanken? Ich habe es in meiner Praxis schon einige Male erlebt, dass insbesondere Frauen – berechtigterweise – den Wunsch haben, wegen ihrer Qualifikation und nicht wegen ihres guten Aussehens angestellt zu werden. Wie Frau gegen diese Form von Diskriminierung vorgehen kann? Ein Lebenslauf ohne Foto könnte helfen, dass sich potentielle Chefs darauf konzentrieren, Fähigkeiten und Kompetenzen der Bewerberin zu lesen und schließlich so überzeugt sind, dass sie sie zu einem Vorstellungsgespräch einladen. Die menschliche Neugier spielt den Bewerberinnen in diesem Fall bestimmt auch in die Hände, denn der wer möchte nicht wissen, wer hinter der qualifizierten Persönlichkeit steckt? 😉 Eine Erfolgsgarantie kann ich keine für diese Maßnahme nicht abgeben, aber einen oder mehrere Versuche sind Bewerbungsunterlagen ohne Foto sicherlich wert!

 

Maßnahme 3 gegen Diskriminierung am Arbeitsmarkt: Familienstand nicht erwähnen

 

Es ist traurig, aber wahr: Frauen haben es bei der Jobsuche nach wie vor schwerer. Zum einen machen sie sich geradezu verdächtig, wenn sie top ausgebildet sind, keine Kinder haben, gut aussehen und eventuell schon einige Jahre erfolgreich in einer höheren Position tätig sind. Zum anderen werden sie diskriminiert, wenn sie in einem Alter sind, in dem sie Kinder bekommen könnten oder wenn sie bereits welche haben.

Die Wiener Politikerin Barbara Ruhsmann twitterte einmal dazu passend:

 

Quelle: DerStandard, Online-Ausgabe vom 15.1.2019; Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Frau Ruhsmann

 

Barbara Ruhsmann spricht in ihrem Tweet eine weitere Hürde an, mit denen Frauen bei der Jobsuche zu kämpfen haben: (Schwieger-)Eltern, die Pflege benötigen, denn wer, wenn nicht die (Schwieger-)Tochter, ist dafür zuständig, sich in diesem Fall um sie zu kümmern? Ich frage mich, ob wir wirklich im 21. Jahrhundert leben … Wann wird dies alles kein Thema mehr sein? Aber das ist wohl eine andere Geschichte …

Zur Angabe von Kindern und Familienstatus noch folgende Tipps: Es besteht keine Verpflichtung dazu, Kinder und Familienstatus im Lebenslauf anzugeben. Wenn ich mich heute bewerben würde, würde ich den Familienstatus im Feld „Persönliche Daten“  weglassen. Karenzzeiten im Lebenslauf sollten erklärt werden, sonst entstehen Lücken, bei denen Personaler nachhaken. Möchtest du Kinder anführen und sind sie noch jünger, würde ich hinzufügen: „Für die Betreuung der Kinder ist gesorgt.“ Oder, noch besser: „Die Betreuung der Kinder teile ich mit meinem Mann/dem Vater der Kinder.“

 

Maßnahme 4: Ein ganz kurzes Anschreiben – oder gar keines!

 

Im Herbst 2018 sorgte die Deutsche Bahn für Aufsehen, als sie beschloss, von jungen Bewerber:innen kein Anschreiben in Bewerbungsunterlagen mehr zu verlangen. Die Begründung: Für Schüler:innen sei das einfach zu schwierig. Der Effekt: Die Zahl der Bewerber:innen ist seitdem um 10 % gestiegen.

Ich muss zugeben, als ich zunächst von der Maßnahme der Deutschen Bahn hörte, war ich etwas schockiert. Kann man es jungen Menschen heute wirklich nicht mehr zutrauen, einen Brief zu schreiben? Heute denke ich: hey, eigentlich eine gute Idee! Nicht nur gebürtige Österreicher:innen oder Deutsche bewerben sich um Jobs. Da sind auch viele Migrantinnen und Migranten, die sich mit der deutschen Sprache noch schwer tun – auch für sie ist das Weglassen des Anschreibens bestimmt eine Erleichterung. Denn Bewerber:innen wegen eines schlechteren Bewerbungsschreibens außen vor zu lassen ist auch eine Ausprägungsform von Diskriminierung am Arbeitsmarkt – schon alleine deshalb, weil manche gar niemanden haben, der beim Schreiben oder Korrigieren hilft. Oder umgekehrt: Ist das Schreiben fehlerfrei, weil korrigiert, wird überlegt, wie es wohl aussehen würde, wenn niemand geholfen hätte. Auch bei Fachkräften, die schon im Berufsleben stehen, sind Bewerbungsunterlagen ohne Anschreiben ein Thema. Was zählt, sind die Fachkenntnisse (nach denen überall händeringend gesucht wird), die von Zeugnissen belegt und im Probemonat sichtbar werden. So wird es mir zumindest in letzter Zeit immer wieder von Recruitern erzählt.

 

Die Vorteile der visuellen Kommunikation nützen

 

Mir geht es bei der Überlegung, das Anschreiben in der Bewerbung wegzulassen, auch um einen anderen, wesentlichen Faktor: der Zeit. Visuelle Kommunikation wird immer wichtiger – dafür haben das Internet und hier vor allem Social Media-Kanäle in den letzten Jahren gesorgt. Haben wir die Wahl zwischen Text und Bild, wählen wir das Bild, das heißt, wir sehen es uns zuerst an. Ganz ehrlich, was steht Besonderes in einem Anschreiben? Da tummeln sich zum einen Floskeln, die Vorlagen entnommen werden. Oder es wird versucht, sich von der Schokoladenseite zu zeigen oder sich als Allrounder zu präsentieren. Fünfsprachiges Organisationstalent? Klar, bin ich! IT-Hans-Dampf-in-allen-Gassen? Logo, ich kann alles! Kommunikativ, flexibel, belastbar, 24/7 einsatzbereit? Natürlich, auf mich kann man in jeder Situation zählen! – Gähn!

Eine gute und radikale Maßnahme, im Bewerbungsverfahren nicht vorschnell aussortiert zu werden, ist ein ganz kurzes Anschreiben – oder gar keines. Der Lebenslauf bietet ausreichend Möglichkeiten, darin seine Fähigkeiten zu präsentieren. Sie im Anschreiben zu wiederholen, ist ohnehin ein großer Fehler! Meines Erachtens genügt es, im Bewerbungsschreiben auf den Lebenslauf und eventuell kurz auf besondere Fähigkeiten zu verweisen. Oder anstatt des Anschreibens ein Deckblatt zu verfassen, das alles Wesentliche in Stichworten und kleinen Grafiken zusammenfasst: persönliche Daten, Foto; die größten Stärken, bisher erreichte Erfolge, Hard Skills und Soft Skills, am besten mit Diagrammen bewertet. Ende!

Warum nicht? Ich bin überzeugt: Recruiter werden es dir danken! Mit einem Deckblatt oder einem Kurzprofil sparst du ihnen nicht nur Zeit. Du sorgst für einen positiven, erfrischenden Überraschungseffekt, der dir vielleicht eher die Türe zum Vorstellungsgespräch öffnet.

Für all diese Tipps kann ich keine Erfolgsgarantie abgeben. Aber ich empfehle dir, die eine oder andere Maßnahme einfach einmal auszuprobieren. Wie heißt es so schön? Einfach mal machen. Könnte ja gut werden! 🙂

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